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Herzlich willkommen im Fake-Blog von C. Müller-Straten



Handtasche der Fa. Braccialini, die das Fälschen von Markenartikeln thematisiert.

Foto frdl. zur Verfügung gestellt von der Fa. Koffer-Kopf, Augsburg



Ziel dieses Blogs ist es, zeitnah Informationen zu Themen des Buches "Fälschungserkennung" anzufügen, die erst nach Drucklegung bekannt wurden und die nicht in den 2. Band eingefügt werden. Beide Bände sind zusammen mit einer ausführlichen Bibliographie (interaktive CD) erschienen und über den Buchhandel erhältlich.

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Impressum

Verlag Dr. Christian Müller-Straten

Dr. Christian Müller-Straten

Kunzweg 23

D-81243 München

Tel. 089-839 690 43

Fax 089-839 690 44

Email: verlagcmsATt-online.de

EU-Identnummer: DE 130227908

ISBN-Verlagsnummer: 3-9327-04-...

Gewerbeschein v. 2.5.1995



 


Gefälschte Bernstein-Inklusen

Der im Internet hochgeladene Artikel "Echt falsch" trägt im Buch "Wissensdinge". Geschichten aus dem Naturkundemuseum, Berlin 2021 (besprochen in MUSEUM AKTUELL  278, 2022) die nicht viel bessere Überschrift "Echt gefälscht". Hier die Internetversion des Texts: 





"Solch kunsthandwerklich bearbeiteten Bernsteine befinden sich in der Bernsteinsammlung des Danziger Arztes Georg Carl Berendt, die zu den Schätzen des Museums für Naturkunde zählt. Obwohl die beiden Objekte im Laufe der Zeit stark nachgedunkelt sind und dabei einiges an Transparenz eingebüßt haben, erkennt man in dem einen Bernstein einen Fisch, nämlich einen Dreistachligen Stichling, Gasterosteus aculeatus, in dem anderen einen Frosch. Da es vor 55 Millionen Jahren, als der Bernstein gebildet wurde, noch gar keine Stichlinge gab, muss es sich beim ersten Objekt um eine Fälschung handeln. Auch fossile Frosch-Einschlüsse in Baltischem Bernstein sind bisher unbekannt. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit geschickte Handwerker, die sich auf die Anfertigung solcher Fälschungen verstanden. Dabei wurden mumifizierte Tiere in ausgehöhlte Bernsteine eingebracht, eine Ziernaht verdeckt die zugeklebte Öffnung.



Seit Ende des 16. Jahrhunderts lassen sich derartige Stücke in Sammlungskatalogen nachweisen. Sie wurden als Talisman am Körper getragen und sogar als Kunstkammerstücke gehandelt. Das Sammeln von Bernstein war unter den gebildeten Ständen und in Adelshäusern sehr populär und so mancher Fürst versuchte seine Konkurrenten durch besonders ausgefallene Objekte zu übertrumpfen. Da bis in das späte 18. Jahrhundert hinein die Auffassung bestand, Bernstein entstünde im Meer, mussten vornehmlich Wassertiere wie Fische oder Frösche für falsche Bernsteinobjekte herhalten. Mit der Unterscheidung zwischen Lebewesen des Meeres und des Süßwassers nahm man es dabei nicht so genau.



Schon damals zweifelte der französische Naturphilosoph George-Louis Buffon die Bildungsweise des Bernsteins als ein Produkt des Meeres an und entlarvte entsprechende „Belegstücke“ als Fälschungen. Dieser Auffassung folgte auch sein Zeitgenosse Nathanael Sendel. Er bildete in seiner Historia Succinorum von 1742 eine den unsrigen Stücken ganz ähnliche Fälschung ab, welche neben einer Fliege einen Frosch enthält. Die gleiche Machart weist darauf hin, dass unsere Bernsteinobjekte in derselben Werkstatt angefertigt wurden. Da der Herzog von Mantua 1588 zwei ganz ähnliche Objekte von einem Danziger Händler für seine allseits berühmte Wunderkammer erwarb, stammen vermutlich auch unsere Objekte aus dieser frühen Zeit.



Christian Neumann"


Fälschungen von Fossilien

"Im nächsten Schritt geht es zu Präparatoren, die die oft unscheinbaren Versteinerungen ansehnlich machen. Es ist verlockend, hier nachzuhelfen, um den Preis zu steigern. Mitunter werden Fragmente mehrerer Fossilien zusammengefügt, durchaus auch unterschiedlicher Spezies, wie der Journalist John Pickrell im Buch „Flying Dinosaurs: How Fearsome Reptiles Became Birds“ beschreibt. Der berühmteste Fall ist Archaeoraptor liaoningensis, ein Fund aus der chinesischen Provinz Liaoning: 1999 von „National Geographic“ als Verbindungsglied zwischen Vögeln und Dinosauriern gefeiert, später als Fälschung entlarvt. Ein Vogel war mit einem Dino-Schwanz versehen worden. Laut Pickrells Quellen dürften mehr als die Hälfte der Fossilien in chinesischen Museen „geschönt“ sein. Manchmal wurde eine fehlende Gliedmaße nachmodelliert, manchmal noch mehr.

„Manipulationen gibt es nicht nur bei chinesischen Proben“, sagt Rauhut. Unter den Fischsauriern aus Deutschland seien „relativ wenige Stücke, wo nicht nachgebessert wurde“. Solche Verschönerungen werden teilweise offen kommuniziert. „Mir wurde bereits von einem Händler gesagt: Vorsicht, wir haben an dieser Stelle etwas nachgearbeitet.“



Für Forscher sind solche Hinweise sehr wertvoll. „Daher lohnt es sich, ein gutes Verhältnis zu den Händlern zu haben.“ Zudem gibt es Methoden, um Manipulationen zu erkennen. Mit UV-Licht werden Klebestellen sichtbar und Computertomographie zeigt Materialunterschiede." 



Quelle:



Ralf Nestler: Schwarzmarkt, Fälschungen und Vorwürfe: Fossilienforschung in Schwierigkeiten. In: Der Tagesspiegel v. 25.8.2021



 



Literatur: 



Pickrell, J: Flying Dinosaurs: How Fearsome Reptiles Became Birds, 215 S., Columbia University Press 2014 ISBN 0231171781


Ernst Haiger: Quellenkunde deckt Fälschungen im Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden auf

Wie in der Presse zu lesen, sind  Schriftstücke des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr (MHM) in Dresden mit Unterschrift von Claus Graf Schenk von Stauffenberg als Fälschung erkannt worden. [1]

Das Museum hatte sie 2019 in einer Ausstellung zum 20. Juli 1944 gezeigt und im Katalog dazu als Facsimile veröffentlicht („Der Führer Adolf Hitler ist tot.“ Attentat und Staatssstreichversuch am 20. Juli 1944. Berlin 2019). Einen ausführlichen Bericht über die Sache haben Armin Wagner und Magnus Pahl, Direktor des MHM und Kurator der Ausstellung, im neuesten Heft der Militärgeschichtlichen Zeitschrift veröffentlicht. [2]

Einen Verdacht, daß es sich um Fälschungen handele, hegte bei Durchsicht des Katalogs im November 2019 Prof. Johannes Tuchel, der beste Kenner der Materie, der als langjähriger Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin (GDW) viel Erfahrungen mit solchen Schriftstücken hat. [3] In Gesprächen mit den Historikern des MHM erhärtete sich der Verdacht gegen die beiden Schriftstücke:



1.Deckblatt zu einer nicht vorliegenden Ausarbeitung betr. „Gliederung und Kampfkraft der Verbände und Truppen der H.Gr. Süd bei Beginn der Sommeroperationen 1942“, dat. 26. Mai 1942 (Katalog S. 168);

2.Schreiben an den Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums  über das „Rüstungsprogramm 1944 bezüglich der Verbände“, dat. 8.11.43.



Beide Schriftstücke kamen Tuchel merkwürdig vor, speziell die vom Üblichen abweichende äußere Form. Besonders gilt dies für Nr. 2. Die Adresse des Oberkommandos des Heeres – heute Sitz der GDW  –-  „Bendlerstr. 54“ ist falsch, weil es diese Hausnummer dort nie gegeben hat. Das „Hoheitszeichen“ (Reichsadler mit Hakenkreuz) im Kopf war für ein Schreiben dieser Art „ausgesprochen unüblich“.

Eine bemerkenswerte Fehlleistung des Fälschers ist die Anrede „Sehr verehrter Parteigenosse Landfried“. Wenn Stauffenberg dem Staatssekretär des Wirtschaftsministerums eine Aufstellung über „das Rüstungsprogramm 1944“ geschickt hätte – ist das überhaupt plausibel? – hätte er den Empfänger vermutlich angeredet „Sehr geehrter Herr Staatssekretär“ – „verehrt“ ist zu devot, andererseits die Grußformel  „Mit freundlichem Gruß und Heil Hitler“ zu informell für 1943. Und erst recht hätte der Nicht-Pg. Stauffenberg den Staatssekretär nicht als „Parteigenosse“ angeredet! Auch irritiert bei dieser Ausfertigung eines amtlichen Schreibens die Abwesenheit eines Aktenzeichens, eines Vermerks über den Geheimhaltungsgrad u.ä.  Schließlich hätte ein Mann wie Stauffenberg  nicht den Text in so zweifelhaftem Deutsch verfaßt.

Die beiden Schriftstücke sind Teile einer Mappe mit Material zum Thema „2. Juli 1944“, die eine „Förderstiftung für Kunst und Wissenschaft“  in Neubrandenburg  2015 dem MHM angeboten hatte. Die Stiftung erklärte damals dem Museum, ihre Absicht sei es, „wichtige historische Quellen durch An- und vergleichsweise günstigen Verkauf an Museen und andere wissenschaftliche Einrichtungen der Forschung zugänglich machen und vor dem Schwarzmarkt bewahren zu wollen“. [4]

Zur Provenienz des Konvoluts von insgesamt 26 Schriftstücken habe die 2008 gegründete Stiftung erklärt, die Sammlung sei „um das Jahr 1950 von Angehörigen und Freunden damaliger Akteure zusammengetragen worden“ [5] , „Eingangsdatum und Umstände des Erhalts“ könne sie aber nicht mehr rekonstruieren. Das MHM fand diese Erklärung der Provenienz nicht unplausibel,  die allerdings nicht schlüssig war für Ausfertigungen dienstlicher Schriftstücke, die aus der Empfänger-Überlieferung hätten kommen müssen; paraphierte Durchschläge aus dem Besitz des Verfassers haben allerdings für Fälscher keinen Wert, da dort die gewinnbringende „auratische“ Unterschrift (J. Tuchel) fehlt. Die Anrede des Staatssekretärs als „Sehr verehrter Parteigenosse“ war dem MHM als „unüblich“ aufgefallen. [6] Es fand dafür die Interpretation: „Landfried war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei gewesen, die seit 1933 nicht mehr existierte. Ob es sich bei der Anrede um ein Missverständnis oder um eine ironische Anspielung handelte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen“. [7] Nicht erwogen wurde also die dritte Möglichkeit, daß hier eine Fälschung vorlag. Diese Anrede ist aber etwas,  was  einem  – wie Tuchel im mdr-Interview sagte –  „schon bei der Lektüre hätte sehr stutzig werden lassen müssen.“ Wagner & Pahl schreiben denn auch, daß hier der kritische Rückblick „wehtut“. [8]

Bei gemeinsamer Durchsicht des Konvoluts  ergab sich, daß „ein Großteil der Stücke gefälscht“ ist, dabei handelt es sich um weitere Unterschriften von Widerstandskämpfern. Die Papiere sind inhaltlich banal, da es dem Fälscher allein um die einträglich zu vermarktenden Unterschriften ging, es ist also auch keine politische Absicht zu erkennen. Der Fälscher ersparte sich so aufwendige Recherchen und vermied das Risiko, daß inhaltlich bedeutsame Fälschungen sorgfältiger und erfolgreicher auf Echtheit geprüft werden (wie z. B. gefälschte Papiere im britischen Nationalarchiv, mit denen steile Thesen „belegt“ werden sollten. [9]

Eine kriminaltechnische Überprüfung durch das Landeskriminalamt Sachsen ergab eine Bestätigung der quellenkundliche Analyse für die zwei Schreiben. Von den Einzelergebnissen wird nur mitgeteilt, daß der Briefkopf des Schreibens an den Staatssekretär von 1943  mittels eines erst später genutzten „elektrofotografischen  Verfahrens“ hergestellt worden war. Die kriminaltechnische Untersuchung der anderen als Fälschung verdächtigten Stücke  dauert  an, weswegen auch keine weiteren Detailergebnisse mitgeteilt werden können.

Über die Identität des Fälschers ist, einstweilen jedenfalls, nichts bekannt. Wagner/Pahl deuten wegen des Lapsus vom „Parteigenossen“ als Korrespondenzpartner Stauffenbergs die Möglichkeit an, daß es sich bei dem Fälscher „um eine Person handelt, die neben einer gewissen handwerklichen Expertise einen persönlichen Hintergrund im Sicherheitsapparat der DDR hat“, weil im Denken ehemaliger Angehöriger der Stasi oder der NVA die Vorstellung weit verbreitet sei, daß hohe Generalstabsoffiziere der Wehrmacht auch Parteigenossen hätten gewesen sein müssen – „wie es eben im SED-Staats der Fall gewesen ist.“ 

Das Museum hat Anzeige erstattet, vermutlich gegen den oder die Fälscher, der Förderstiftung wird offensichtlich guter Glauben zugebilligt.

Wagner & Pahl schließen ihre Darstellung mit Anregungen für eine institutionalisierte  „museal-geschichtswissenschaftliche Zusammenarbeit“  zur Aufdeckung und  Bekanntmachung von erkannten Fälschungen „mit Warncharakter“, etwa nach dem Vorbild des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste. [11]



20210610X352.pdf



Anmerkungen:

[1] s. etwa Spiegel v. 10.6.21, https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/gefaelschte-stauffenberg-briefe-in-dresdner-bundeswehrmuseum-aufgetaucht-a-43bc12b6-a90f-4c07-b92d-c3e98b47325c

[2] Armin Wagner; Magnus Pahl: „Verehrter Parteigenosse Landfried“. Die Sonderausstellung ‚Der Führer Adolf Hitler ist tot.‘ des Militärhistorischen Museums und die Frage der Echtheit von Schriftstücken Claus Schenk Graf von Stauffenbergs“. In: MGZ 80/1 (2021), S. 126-140

[3] s. Interview mit dem mdr am 11.6.2021: https://www.mdr.de/mdr-aktuell-nachrichtenradio/audio/audio-1760528.html

[4] ebd., S. 136

[5] ebd., S. 135

[6] ebd., S. 133

[7] Katalog der Ausstellung zum 20. Juli 1944, S. 170

[8] Wagner; Pahl, S. 139

[9] s. Haiger, E.: Fälschungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs im britischen Nationalarchiv. In: Christian Müller-Straten: Fälschungserkennung, Bd. 2. München 2015, S. 211-221

[10] Wagner; Pahl, S. 133

[11] Wagner; Pahl, S. 138f