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Der erwartbare Showdown um die Nebrascheibe hat begonnen

Um 2008 erschien die Diskussion um Alter und Funktion der Nebrascheibe abgeschlossen. Nun aber begannen die nicht unbedingt besten Freunde von Harald Meller den Showdown um das dubiose Objekt.



Die Nebrascheibe: jünger und unbedeutender als bisher angenommen



Das ist eine der ersten Erkenntnisse, zu dem Harald Mellers Kontrahenten Prof. Dr. Rupert Gebhard und Prof. Dr. Rüdiger Krause in einer kommenden Veröffentlichung gelangen.[i] Solch ein Fazit war eigentlich nach der Beweisführung von Meller, dass die Hauptfunde vom Kranzberg [ii]eine billige Fälschung (mit Kugelschreiber auf amerikanischen Goldblech) seien, nicht anders zu erwarten. 



Unerwartet ist aber die umständliche Vorgehensweise der beiden Wissenschaftler. Gebhard & Krause haben in einer Metaanalyse die Dokumente zur Entdeckung der Himmelsscheibe durch zwei Raubgräber gründlich untersucht, die Aussagen aus den beiden Gerichtsverhandlungen gegen die Raubgräber hinzugezogen und alle bisher veröffentlichten Forschungsergebnisse wissenschaftlich geprüft. Sie gehen in einem ersten Schritt davon aus, daß die Nebrascheibe auf keinen Fall durch die sog. Beifunde datiert werden könne.



Sie kommen zum Schluss, dass die Fundstelle und die Fundumstände der Himmelsscheibe, die 2002 in einer wissenschaftlichen Nachgrabung untersucht worden war, in der Fachliteratur nicht korrekt beschrieben und dargestellt wurden. "Die zugrundeliegenden Quellen wurden in den folgenden Jahren ungenügend oder auch gar nicht veröffentlicht." (Anm. 1) Gebhard & Krause konnten sich in Halle bereits vor mehreren Jahren die verschiedenen Fundstücke mikroskopisch ansehen. Kamen andere Untersuchungen der Gegenstände (s.u.) zu dem Ergebnis, sie seien aus derselben Kupfersorte, hegen die beiden Autoren besonders aufgrund der Bleiisotope Zweifel daran. Vor allem die Himmelsscheibe passe neben drei weiteren Stücken nicht zu den anderen. Hinsichtlich der  Erdanhaftungen an der Scheibe, den Schwertern, Beilen und Armreifen, die angeblich alle aus dem gleichen Hortfund stammen, gab es, dem damals hinzugezogen Experten zufolge, sehr wohl deutliche Unterschiede zwischen den Fundstücken. So war die Erde an den Beilen anders als an der Scheibe. Zudem sollte die Himmelsscheibe den Raubgräbern zufolge nur wenige Zentimeter unter heitigen Niveau  gefunden worden ein, die Waffen aber deutlich tiefer. Damals vertrat  Harald Meller vom Landesamt für Archäologie von Sachsen-Anhalt die Auffassung: „Relevant ist, dass wir naturwissenschaftlich nachweisen können, aufgrund der Erdanhaftungen, dass die Schwerter, die Himmelsscheibe und die Beifunde zusammengehören. Und dass das alles auch dort perfekt auf den Mittelberg passt.“



Zusätzlich kommen beide Autoren durch motivgeschichtliche Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß die Nebrascheibe aufgrund ihrer Bildmotive und der Art ihrer Darstellungen vermutlich nicht aus der frühen Bronzezeit (ca. 2200 – 1600 v. Chr.), sondern aus der Eisenzeit (ca. 800 – 50 v. Chr.) stammt. Ganz ähnliche Motive finden sich beispielsweise auf vielen keltischen Münzen aus dieser Zeit, aber auch auf dem sog. Kurzschwert von Allach. Wäre die Himmelsscheibe tatsächlich 1000 Jahre jünger, würden vielen Spekulationen der Mellerschen Archäomystik in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus.



Zur Erinnerung: "Die Himmelsscheibe von Nebra gelangte erst etwa vier Jahre nach ihrer Entdeckung in die Hände von Archäologen. Ihre Auffindungsgeschichte wurde nach den Aussagen des ersten Ankäufers, der Finder und der Beobachtung von Beschädigungsspuren am Objekt rekonstruiert. Zugleich erfolgte noch vor dem ersten Kontakt mit den Findern eine Nachgrabung an einem vom ersten Ankäufer als solchen bezeichneten Fundort, dem Mittelberg, auf dem zwar die Reste einer eisenzeitlichen Befestigung, aber keinerlei Hinweise auf eine Nutzung oder Begehung des Berges im 2. Jahrtausend v. Chr. festgestellt wurden." Und sie fügen genüsslich hinzu: "Eine abschließende Publikation der Ausgrabung wurde bis heute nicht vorgelegt."



Zusammenfassend stellen sie fest: 1. Die oberflächennahe Auffindung der Scheibe (3-5 cm unter dem heutigen Niveau!) spricht gegen eine Auffindungslage in situ, was zugleich auch die Zusammengehörigkeit mit den Beifunden in Frage stellt. 2. Weder die Analysen der anhaftenden Erdreste noch die geochemischen Analysen der Metalle (Kupfer, Gold) unterstützen die etwaige Zusammengehörigkeit der Funde. 3. Aufgrund der Analyse der Erdreste ist nach Aussage des Gerichtsgutachters eines der Beile als nicht zugehörig zu betrachten. Dieser Umstand wird durch die Metallanalyse weiter erhärtet.4. Ebenso muss der Meißel in diesem Zusammenhang als nicht zugehörig ausgesondert werden.



Für die Auffindung der Scheibe ergeben sich zwei denkbare Szenarien der Fundsituation: a) Die Scheibe lag entweder als Einzelfund innerhalb einer eisenzeitlichen Befestigungsanlage auf dem Mittelberg b) Oder die Scheibe wurde woanders gefunden. Für eine Einordung in die mitteleuropäische Frühbronzezeit kann jedoch kein vergleichbares Symbolgut benannt werden; bereits 2010 hatte W. David auf die Bezüge zur Latènezeit verwiesen. Gebhard & Krause heben jedoch hervor: "Der Dokumentationsstand ist dabei aber oft nicht vollständig. Viele Details ließen sich noch präziser darstellen, wenn die notwendigen Quellen – von den Restaurierungsberichten bis hin zur Veröffentlichung aller naturwissenschaftlichen Analysen – besser erschlossen wären. Es ist zu hoffen, dass dies noch erfolgt und eine sachliche Publikation des Fundes für die weitere wissenschaftliche Analyse genauso genutzt werden kann." Wir müssen davon ausgehen, daß eine zweite Publikationswelle zur Nebrascheibe, welche auch die ungewöhnliche Restaurierungspraxis würdigt, in Vorbereitung ist.



Wissenschaftspolitik



Die Autoren haben aber noch ein Ass im Ärmel: "Das hier publizierte Manuskript wurde am 8. November 2018 beim Archäologischen Korrespondenzblatt in Mainz eingereicht und (zunächst) auch angenommen…Unser Manuskript durchlief den üblichen Gutachterprozess und wurde von mehreren Fachgutachtern der Schwerpunkte „Bronzezeit“, „Eisenzeit“ und „Archäometrie“ begutachtet. Die Ergebnisse und Kommentare dieses Gutachterprozesses wurden den Verf. zur Überarbeitung mitgeteilt und zum größten Teil berücksichtigt und umgesetzt. Die naturwissenschaftlichen Teile betreffend gingen die Anmerkungen jedoch soweit, dass es bereits einer wissenschaftlichen Diskussion entsprach, die die Verf. aber erst nach der Publikation innerhalb der Forschungsgemeinschaft beginnen wollten. Hierbei wurde kein vollständiger Konsens gefunden. Nach dem Einreichen einer finalen Fassung am 9. August 2019 blieb das Manuskript liegen, einhergehend mit dem Wechsel in der Leitung des RGZM. Zur Entscheidung der Drucklegung veranlasste die neue Herausgeberin gegen Ende des Jahres 2019 ein weiteres zusammenfassendes Gutachten aus den eigenen Reihen des RGZM. Obwohl dieses den Druck befürwortete, blieb das Manuskript erneut liegen. Nach weiteren Monaten des Wartens, beschlossen die Verf. am 3. Juni 2020, das Manuskript beim Archäologischen Korrespondenzblatt zurückzuziehen und bei den Archäologischen Informationen einzureichen."



Mellers Entgegnung



Auf der Website des Landesmuseums für Vorgeschichte wird gekontert: "Die Kollegen ignorieren nicht nur die Fülle an publizierten Forschungsergebnissen der letzten Jahre, sie führen dafür verschiedene Argumente ins Feld, die indes leicht zu widerlegen sind… Unter anderem mit metallurgischen Untersuchungen von Prof. Dr. Pernicka und Kollegen, die ergeben, dass das Kupfer aller Teile des Hortes aus derselben Lagerstätte, dem  Mitterberg im Salzburger Land,  stammt. "Analysen von keltischen [eisenzeitlichen] Kupferlegierungen zeigen ganz andere Zusammensetzungen sowohl der Hauptbestandteile als auch der Spurenelemente und Bleiisotopenverhältnisse." (Pernicka) Gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte Meller, dass die Kollegen nur intrigierten, weil er die Echtheit eines von Gebhard & Krause als hochbedeutend angesehenen Goldfundes im bayerischen Bernstorf/Kranzberg angezweifelt habe. Da Meller die Latte mit dem Weltkulturerbe sehr hoch gehängt hat, kann man nur hoffen, "dass der Absturz der sog. Himmelsscheibe nicht allzu krachend ausfallend wird."  [iii],



Für viele, die an der Nebrascheibe und ihrer archäomystischen Interpretation zweifelten, ist neben diesem eingeleiteten Showdown besonders wichtig, dass in dieser Veröffentlichung auch eine Veröffentlichung der Scheibe vor ihrer restauratorischen Verfälschung abgebildet wird:





 



 



 



 



"Es handelt sich um eine der wenigen Aufnahmen, die den Zustand der Himmelsscheibe (ca. Januar 2002) vor der Übernahme durch das Landesmuseum Halle und den dort durchgeführten Konservierungsarbeiten zeigen. Wichtig sind die hier noch gut erkennbaren Erd-Anhaftungen und die Korrosionsspuren. Ein Teil der angeblich frischen, erst bei der Bergung 1999 entstandenen Beschädigungen … weist erkennbar alte Korrosionsspuren auf, die wohl kaum im Zeitraum 1999-2002 entstanden sein können.

Foto: Hildegard Burri-Bayer. [JPG]"



 



Halten wir also fest, daß Gebhard & Krause in diesem Abschnitt des Showdowns der Nebrascheibe ihre Echtheit noch nicht öffentlich anzweifeln. Da es noch eine Fülle weiterer Argumente gegen die Echtheit der Scheibe gibt [iv], wird vermutlich schon rasch die Phase zwei des Showdowns gezündet werden. Ob die Veröffentlichungen dann wieder liegenbleiben?



Anmerkungen: 

[i] Gebhard, R. & Krause, R. : Kritische Anmerkungen zum Fundkomplex der sog. Himmelsscheibe von Nebra. Archäologische Informationen 43, Early View, online publiziert 3. Sept. 2020. Der Online-Beitrag enthält noch Schreibfehler. Nach Erscheinen des gedruckten Bandes finden Sie den Beitrag mit den endgültigen Seitenzahlen im Open Access dort: http://journals.ub.uni-heidelberg.de/arch-inf Den gedruckten Band erhalten Sie unter http://www.archaeologische-informationen.de (liegt derzeit noch nicht gedruckt vor)

[ii] Christian Müller-Straten: The Kranzberg treasure: desaster or sensation. In EXPOTIME! 11/2014, p. 49-55; https://www.museumaktuell.de/home/eTime/ExpoTime!-2014-11/index.html

[iii] Christian Müller-Straten: Das sonderbare Weltkulturerbe von Kleinenwangen an der Unstrut. In: ders.: Fälschungserkennung, Bd. 2, S.86

[iv] ebenda,  S.71-91


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