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Belgien: Ganze Ausstellung mit vorgeblich russischer Avantgardekunst geschlossen

Wegen der vielen Fälschungen russischer Avantgarde-Kunst haben mittlerweile große Häuser, wie das Museum Ludwig in Köln, die Berlinische Galerie oder die Albertina derartige Bestände wegen massiven Echtheitszweifeln wieder ins Depot verbracht. Am Freitag, dem 16. März 2018, verurteilte das Landgericht Wiesbaden zwei Männer zu Haft- und Geldstrafen wegen des Verkaufs von gefälschten Kunstwerken, die Künstlern wie El Lissitzky, Malewitsch und Alexander Rodtschenko zugeschrieben wurden.


Der neueste Fall [1]


Am 20. Oktober 2017 wurde im Museum voor Schone Kunsten (MSK) in Gent (BE) eine Ausstellung mit dem Titel "Russische Moderne 1910-30" eröffnet. Sie bestand aus 24 Werken, die Larionov, Goncharova, Tatlin, Filonov, Kandinsky, Malewitsch, El Lissitzky, Exter, Popova, Rozanowa, Rodtschenko, Udalzowa und anderen zugeschrieben werden. Als Herkunft aller Werke wurde die "Dieleghem-Stiftung" angegeben, die von dem Russen Igor Toporowski und seiner Frau Olga erst 2017 in Belgien gegründet worden war. Sie wurde nach dem  Château de Dieleghem benannt, das die Toporovskis besitzen und das bis 2020 etwa zu zwei Dritteln mit öffentlichen Geldern zu einem Museum für ihre Sammlung umgebaut werden soll. [2] Erklärtes Ziel der Stiftung ist die "uneigennützige Förderung von Werken und Künstlern von Europäischer Kunst aus der Zeit von 1850-1930 und der russischen Moderne von 1900-30 ". Sie behält sich aber das Recht vor, "jedes Element, das es besitzt, zu verkaufen, wenn es nicht in die vom Gründer definierte Sammlung passt ". Wie nachträglich bekannt wurde, beinhaltet der Vertrag zwischen Museum und Stiftung auch einen Passus, nach dem Werke der Stiftung auch während der Ausstellung verkauft werden dürfen. [3] Die gesamte Sammlung besteht aus rund 500 Werken, von denen zwei Drittel Gemälde sind.



 


Teilansicht der Ausstellung  'Russische Moderne' [sic] in Gent. Die Gemälde werden, von links nach rechts, folgenden Künstlern zugeschrieben:  Kasimir Malewitsch, Liubov Popova und Olga Rozonova (zwei Arbeiten). In der Mitte an Malewitsch zugeschriebene Werke. Foto: The Telegraph und andere Medien, kein Fotograf benannt, ähnliche Bilder stammen nach anderen Quellen (artnet) vom MSK, Gent.



Am 15. Januar erschien in der flämischen Tageszeitung De Standaard ein offener Brief, der von zehn Spezialisten mit Spezialkenntnissen in  russischer Avantgarde unterzeichnet wurde, welche die in Gent gezeigten Arbeiten als "höchst fragwürdig" bezeichneten und, falls sie sich nach einer wissenschaftlichen Untersuchung als Fälschungen herausstellen sollten, fallengelassen werden sollten. Zu den Unterzeichnern gehören die Händler Julian Barran, James Butterwick, Richard Nagy, Ivor Braka und Jacques de la Béraudière sowie Kuratoren und Sammler, darunter Natalia Murray, Co-Kuratorin der Ausstellung Revolution "Russische Kunst von 1917 bis 1932" an der Londoner Royal Academy of Arts, aber auch der Kölner Händler Alex Lachmann, der regelmäßig auf Londoner Auktionen russischer Kunst zu sehen ist und zu den einflußreichsten Menschen in diesem Bereich zählt. Der Brief sagt weiter: " They have no exhibition history, have never been reproduced in serious scholarly publications and have no traceable sales records.” Das Museum “did not provide any information about their provenance or exhibition history…other than the name of the owner".


Am nächsten Vormittag wurden die Museumsmitarbeiter verdonnert, die Angelegenheit nicht zu kommentieren. Am Nachmittag wurde eine Erklärung des flämischen Kulturministers Sven Gatz veröffentlicht, in der es hieß, dass das Institut die Leihgaben auf der Grundlage von "vertraulichen Informationen des Sammlers" bewertet habe und dass "die Dokumentationen und die Beschreibungen aus dem Besitz der Dieleghem-Stiftung Geschichte und Authentizität jedes einzelnen Werks belegen."


Keines dieser Hintergrundmaterialien wurde jedoch veröffentlicht. Einen Ausstellungskataliog des Museums gab es ohnehin nicht.


Ein Expertengremium würde eingesetzt werden, "um die russischen Kunstwerke, die derzeit in der MSK zu sehen sind, weiter zu erforschen". Die Erklärung schloss mit der unbelegten Behauptung von Gents Kulturbeauftragten Annelies Storms, das Museum sei "unbeabsichtigt in eine Debatte von Kunsthändlern geraten, von denen die meisten auch ein finanzielles Interesse an der Sache haben."


Storms forsche Behauptung reizte vier der Unterzeichner des Briefes besonders: Konstantin Akinsha, Vivian Barnett, Natalia Murray und Alexandra Shatskikh, sämtlich keineswegs Kunsthändler, sondern weltweit bekannte Akademiker und / oder Kuratoren. Akinsha kündigte in ihrem gemeinsamen Namen an, dass sie alleine deswegen einen Rechtsbeistand aufsuchen werden.


Alle 24 Werke, die von der Dieleghem-Stiftung an das Museum für Schöne Künste (MSK) in Gent als historische Werke der russischen Avantgarde ausgeliehen wurden, wurden abgehängt, die Ausstellung geschlossen und die Werke in ein Museumslager verbracht.         


Als am 18. Januar ein zusätzlicher Artikel in De Standaard erschien, in dem der Direktor des Luxemburger Nationalmusée fir Geschicht a Konscht, Michel Polfer, ausführte, er sei ebenfalls von den Eigentümern kontaktiert worden, habe aber "keine Zusicherungen über die Herkunft der Werke oder wie sie nach Belgien kamen" erhalten, ordnete Gatz daraufhin an, dass die Bilder der Genter Ausstellung einer Laboranalyse unterzogen werden sollten.


Was danach geschah


Nach der vorläufigen Suspendierung der Direktorin des Museums der Schönen Künste in Gent wegen ihres Vorgehens bei der Ausstellung russischer Avantgarde-Werke hat die belgische Polizei eine Reihe von Hausdurchsuchungen durchgeführt, die mit der Kontroverse in Zusammenhang stehen. Catherine de Zegher wurde vorübergehend als Leiterin der Einrichtung entlassen, eine externe Untersuchung (Ernst & Young) angeordnet. De Zegher ist seither einer intensiven Prüfung unterzogen worden, weil sie die ausgeliehenen Werke nicht überprüft und nicht mit Beamten der Stadt zusammengearbeitet habe. Sie hatte zudem angegeben, sich zuvor mit den Kunsthistorikerinnen Magdalena Dabrowski und Noemi Smolik beraten zu haben - diese erklärten jedoch, daß dies nicht der Fall gewesen war. Als Reaktion hierauf erklärte die Kulturstadträtin Annelies Storms, dass der Vorstand das Vertrauen in die Direktorin verloren habe. 

Zu einem abschließenden Bericht des Expertengremiums kam es jedoch nicht. Wie der Kunsthistoriker Stefan Koldehoff in einem Deutschlandfunk-Beitrag v. 22.2.2018 herausfand, hat sich die "unabhängige Kommission nun unter Protest selbst aufgelöst... Die Wissenschaftler sahen sich in ihrer Handlungsfreiheit durch die Stadt und den Sammler eingeschränkt." [4]

Anmerkungen

[1] dem Beitrag liegen großteils Artikel von S. Hewitt zugrunde. Simon Hewitt: The Art Newspaper's exposé helps close dubious Russian avant-garde art display in Ghent museum. Heirs of George Costakis, Naum Gabo and leading scholars disputed provenance claims of works on show at the Museum voor Schone Kunsten. In: The ArtNewspaper v. 29.1.2018; https://www.theartnewspaper.com/news/the-story-behind-the-dubious-russian-avant-garde-art-show-in-ghent-museum

[2] Simon Hewitt: Russian art critics challenge director of Ghent museum over show of dubious Russian avant-garde works. In The ArtNewspaper v. 28.2.2018, https://www.theartnewspaper.com/news/russian-art-critics-challenge-director-of-ghent-museum-over-show-of-dubious-russian-avant-garde-works

[3] "Two days earlier, on 24 February, the Flemish newspaper De Standaard reported that the loan agreement between the Dieleghem Foundation and the MSK contained a clause allowing any work on display in the museum could be removed and sold, with MSK having first refusal.", op. cit.

[4] http://www.deutschlandfunk.de/kunstfaelschung-kein-interesse-an-aufklaerung.691.de.html?dram:article_id=411440. "One of its members, Willem Jan Renders, the curator of Russian art at the Van Abbemuseum in Eindhoven, has since told The Art Newspaper that: “I got the impression that our efforts would end up in juridical debates instead of thorough research”). zit. nach https://www.theartnewspaper.com/news/russian-art-critics-challenge-director-of-ghent-museum-over-show-of-dubious-russian-avant-garde-works

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