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Vorsicht: Verseuchter Ludwig II-Kanon

Wir hatten in der der "Fälschungserkennung" und bei anderen Gelegenheiten mehrfach darauf hingewiesen, daß das zu Bestrafende an Fälschungen nicht nur an der betrügerischen wirtschaftlichen Schädigung Dritter, nicht nur in der Rufschädigung an sich kompetenter Sammler, Händler, Museen oder Universitäten, sondern vor allem in der Verseuchung des wissenschaftlichen Kanons besteht - dem, was man in einer Fachwissenschaft und Öffentlichkeit für eine erwiesene Tatsache hält. Gehen Fälschung in diesen Kanon ein (was leider massenhaft für die überwiegend blauäugige Kunstgeschichte angenommen werden muß), müssen mit ihnen angestellte Vergleiche und Schlußfolgerungen falsch werden. Je mehr Fälschungen in eine Wissenschaft als echt eingehen, desto weniger bildet diese Wissenschaft ihren Erkenntnisgegenstand ab.


Der kürzlich aufgedeckte Fall [1] eines erfundenen Interviews eines amerikanischen Journalisten mit König Ludwig II. von Bayern macht diesen Umstand auf schmerzliche Weise erneut deutlich. Er belegt auch abermals unsere in der "Fälschungserkennung" mehrfach dargestellte These, daß es gerade die "missing links" sind, die eine Fälschung passieren lassen. Und "missing links" greift diese Fälschung gleich zwei auf: Das behauptete Interview wäre das einzige gewesen, das Ludwig jemals gegeben hätte, noch dazu einem US-Amerikaner. Während dieser Audienz soll der König anscheinend auf Englisch sein Herz ausgeschüttet und am Ende den Raum mit Tränen in den Augen erlassen haben. Niemand hatte sich bislang daran gestört, dass Ludwigt II. gar kein Englisch sprechen konnte und der Journalist kein Deutsch. Ludwig II. wird sogar mit dem Satz zitiert, er würde seine Krone für eine einzige Stunden Gespräch mit dem US-amerikanischen Dichter Edgar Allan Poe aufgeben. Angeblich soll der König nur in diesem Interview auch seine behauptete Geisteskrankheit selbst angesprochen haben. Dafür gibt es sonst keine historischen Quellen. 


Das Interview soll angeblich im Februar 1882 stattgefunden haben, erschien aber erst im November 1886 nach des Königs Tod. Das allein macht schon stutzig, denn Tote können sich nicht mehr wehren. Das von Unwahrscheinlichkeiten nur so strotzende "Interview", das seinerzeit das angesehene "Lippincott's Monthly Magazine" nicht als Fälschung erkannt und veröffentlicht hatte, wurde bereits 1926 durch Ludwig Below zitiert [2], "in jüngster Zeit erwähnten, um nur einige zu nennen, die Buchautoren Thomas Ammon, Maria Seitz und Oliver Hilmes" [3] das nie stattgefundene Interview von Lew Vanderpoole.


Kein deutscher Historiker oder Poe-Forscher hatte sich bislang kritisch mit dieser angeblichen Quelle auseinandergesetzt. Denn auch bei der Beschäftigung mit Lew Vanderpoole hätten man Verdacht schöpfen müssen: Wie Luc Roger herausfand, gab es diesen Journalisten wirklich, allerdings wurde bereits 1887 - ein Jahr nach der Veröffentlichung des fraglichen Interviews mit Ludwig II. -  über Betrügereien Vanderpooles in den US-amerikanischen Medien berichtet. Das Cosmopolitan Magazine in New York hatte ihn wegen literarischen Betrugs angezeigt und Vanderpoole wurde verhaftet, weil er versucht hatte, als ein angeblicher Verwandter von George Sand Manuskripte von ihr an die Zeitschrift zu verkaufen. Auch in diesem Fall stellte er sich als Korrespondent des Figaro dar. In beiden Fällen behauptete er, irgendein Erbe zu beanspruchen. Der Fälscher war somit auch Hochstapler, wie so oft in der Fälschungsgeschichte. Und die angeblichen Manuskripte von George Sand (2 Romane) hatte er gar nicht selbst geschrieben, sondern einem anderen Autor gestohlen. [4]





Angeblich soll die Audienz völlig ohne jede Kenntnis der baierischen Journaille, der Hofschranzen und Spione stattgefunden haben. Wie sollten sie auch? Vermutlich war dieser Vanderpoole nie in Bayern, sondern versuchte lediglich wie ein umgedrehter Kal May, vom amerikanischen Schreibtisch aus, sich mit einer passenden Königsstory zu bereichern. So jedenfalls Luc Roger.


Anmerkungen:


[1] Kratzer, Hans: Königlich-bayerische Fake News. In: Süddeutsche Zeitung v. 21.22.10. 2017, S. R17. Die gut begründete  Fälschungsvermutung  gelang dem Romanisten und Internet-Blogger Luc Roger [munichandco.blogspot.de]. Gerade für einen Journalisten wie Kratzer ist ungewöhnlich, daß er "Fälschung" mit "Fake News" verwechselt. 

[2] Below, Ludwig: Dem Toten die Ehre - entsiegelte Dokumente. München 1926. Hierbei handelte es sich allerdings um einen Roman.

[3] Kratzer, a.a.O. Vgl. auch: http://www.koenigludwigbilder.at/Vanderpool.htm. Noch 2016 brachte der BR ein fiktives Hörspiel zwischen Ludwig II. und Poe auf der Basis des für echt gehaltenen Interviews von Vanderpoole: 

http://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-700830.html Auch in der Wikipedia hat sich das falsche Interview mit dem König eingenistet: https://de.wikiquote.org/wiki/Ludwig_II._von_Bayern

[4] Zum Fälscher Vanderpoole bereits Johanningsmeier, Charles A.: Fiction and the American Literary marketplace. Cambridge UP 1997, S. 87 Vgl. auch den Hinweis "The translator claims to be a nephew of George Sand ... Upon being asked to produce the original ms. [he] stated that it had been lost and that the story had been written from memory."--Publishers' weekly, September 24, 1887." zitiert nach https://catalog.hathitrust.org/Record/009014903
 

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